Die egalitär-liberalen G“ttesdienstangebote richten sich nur an Gemeindemitglieder der IRGW und ihre Familienangehörigen. Auswärtige Gäste wenden sich vorab bitte an unorthodox@irgw.de ob eine Teilnahme möglich ist. Danke!


IRGW-Mitglieder & Angehörige / G''ttesdienste der egalitär-liberalen Gruppe

G''ttesdienste der egalitär-liberalen Gruppe







Liberaler G‘‘ttesdienst: Was ist das?

Viele Gemeindemitglieder haben gefragt: „Was genau ist ein liberaler G‘‘ttesdienst? Inwiefern unterscheidet er sich von einem G‘‘ttesdienst nach orthodoxem Ritus? Was erlebt man anders, wenn man zu einem liberalen G‘‘ttesdienst geht?“

Sobald man die Synagoge betritt, sieht man schon den ersten Unterschied: Frauen und Männer sitzen zusammen und nehmen gleichberechtigt am G‘‘ttesdienst teil. Man sieht vielleicht auch, dass die eine oder andere Frau eine Kippa und/oder einen Tallit trägt. Manche Frauen ziehen es vor, dies nicht zu tun … auch das ist erlaubt!

Schon am Anfang des G‘‘ttesdienstes merkt man den zweiten großen Unterschied: Beim liberalen Ritus beten alle zusammen. Es wird viel in Form von Liedern gebetet – und viele Gemeindemitglieder singen die Gebete mit. Manche Gebete werden in der Landessprache gemeinsam gelesen oder gesungen, manche im Wechsel mit dem Vorbeter. Bei uns heißt das, dass manche Gebete auf Hebräisch, manche auf Deutsch und manche auf Russisch gesprochen werden. Anfangs (2012) hat uns Rabbiner Yuriy Kadnykov betreut, danach hatten wir das große Glück mit Kantor Nikola David sel.A. , dass er nicht nur wunderbar sang, sondern alle drei Sprachen beherrschte und anwendete. Zu den Hohen Feiertagen durften wir Rabbiner Daniel Alter, Rabbiner Dr. Walter Rothschild begrüßen wie auch Kantor Yoed Sorek. Seit einigen Jahren betreut uns Rabbinerin Dr. Ulrike Offenberg, neuerdings im Wechsel mit Kantor Assaf Levitin. Zweimal im Jahr auch gemeinsam.

Beim Schacharit am Samstag erlebt man ein bedeutendes Merkmal des liberalen Judentums: Jüdische Frauen können zur Tora aufgerufen werden.
Die liberale Tradition, begonnen in Deutschland im Jahr 1810, fokussiert sich darauf, dass die Betenden die Inhalte des G‘‘ttesdienstes verstehen sollen und mit einbezogen werden. Damit sie ihre Konzentration erhalten, sind mache Wiederholungen gestrichen. Einige Lieder werden auch gekürzt vorgetragen: Z.B. singen wir in der Regel nur 4 Strophen von Lecha Dodi. Viele Gebete werden in einem Tempo gesprochen, das Verstehen und Mitlesen ermöglicht – andere wiederum werden still gesprochen.

Das sind einige Unterschiede. Es gibt aber auch Gemeinsamkeiten. Die Struktur der G‘‘ttes-dienste ist im liberalen Ritus genauso wie im orthodoxen: Die Psalmen werden am Anfang des G‘‘ttesdienstes gelesen/gesungen, danach wird das Schma Israel gesagt, es folgt die Amida, und für Schacharit wird aus der Tora gelesen. Manche Melodien und Nussachim werden genauso im orthodoxen wie auch im liberalen Ritus verwendet.

Entstanden ist das Reform-Judentum im Zeitalter der Aufklärung in Deutschland und war vor 1933 die stärkste jüdische Richtung in Deutschland. Die große Mehrheit der Einheitsgemein-den (auch Stuttgart) haben G‘‘ttesdienste sowohl mit orthodoxen als auch „Reform“-Rabbinern angeboten. Dies fand durch die Shoah in Deutschland ein Ende.

Heute gibt es in Deutschland 26 liberale Gemeinden, und weitere sechs Einheitsgemeinden mit einem liberalen Zweig. Sowohl RabbinerInnen als auch KantorInnen werden seit 1999 am Abraham-Geiger-Kolleg in Potsdam und seit 2013 dem Zacharias Frankel College in Potsdam ausgebildet. Die dort ausgebildeten RabbinerInnen gehören der Allgemeinen Rabbinerkonferenz (ARK) an. Das liberale Judentum hat in Deutschland wieder Fuß gefasst. Aber der beste Weg, einen Eindruck vom liberalen G‘‘ttesdienst zu bekommen, ist, einmal einen zu besuchen. Weitere Informationen können Sie per E-Mail unter unorthodox@irgw.de erfragen. Die Termine der G‘‘ttesdienste nach liberalem Ritus werden auch jeweils in der Gemeindezeitung und auf der Homepage der IRGW bekannt gegeben.

Claudia Rosenstein, David Holinstat, Susanne Jakubowski
Stuttgart, im Juli 2025