Aktuelles – www.irgw.de/aktuelles 13. Juli 2026

v.l.: Marco Siegmund (RIAS Deutschland), Benjamin Steiniz (RIAS Deutschland), Dr. Robert Ogman (RIAS Baden-Württemberg), Prof. Barbara Traub (IRGW), Minister Oliver Hildenbrand MdL (Land Baden-Württemberg) und Dr. Michael Blume (Beauftr. gegen Antisemitismus und für jüdisches Leben Baden-Württemberg)

Pressmitteilung RIAS Baden-Württemberg
Sperrfrist: 13. Juli 2026, 10:00 Uhr

Antisemitische Vorfälle in Baden-Württemberg erstmals systematisch ausgewertet

Stuttgart, 13. Juli 2026: Erstmals liegt ein RIAS-Jahresbericht zu antisemitischen Vorfällen in Baden-Württemberg vor. Im Jahr 2025 dokumentierte die neue Meldestelle 335 antisemitische Vorfälle, das entspricht fast einem Vorfall pro Tag. RIAS erfasste Vorfälle in allen Regierungsbezirken, sowohl in Städten als auch in ländlichen Regionen. Die Meldestelle geht von einem großen Dunkelfeld aus.

Antisemitismus trifft Jüdinnen:Juden im Alltag
Antisemitische Vorfälle prägen das Leben von Jüdinnen:Juden: auf der Straße, im Internet, an Bildungseinrichtungen oder im direkten Wohnumfeld. In Reutlingen wurden auf offener Straße zwei Juden von einem Mann mit den Worten „Scheiß Juden“ und „Schwuchtel“ beleidigt. Er forderte einen von ihnen auf, seine Kippa zu verdecken. Auf Facebook erhielt eine Jüdin wiederholt Drohungen, darunter ein Bild einer Zyklon-B-Dose mit dem Kommentar „Noch auf Lager“.

Hoher Anteil von israelbezogenem Antisemitismus dokumentiert
Der 7. Oktober 2023 und das Kriegsgeschehen im Nahen Osten waren auch im Jahr 2025 in Baden-Württemberg Anlässe für antisemitische Vorfälle. Bei 71 % der Vorfälle wurde israelbezogener Antisemitismus dokumentiert. Jüdinnen:Juden, jüdische Gemeinden und Institutionen wurden angefeindet und für das vermeintliche Handeln Israels verantwortlich gemacht. Eine jüdische Gemeinde erhielt mehrere E-Mails, in denen Israel mit dem Nationalsozialismus gleichgesetzt wurde. Jüdinnen:Juden wurden als „Feinde aller Menschen“ bezeichnet, die „verschwinden“ sollten. Auch zivilgesellschaftliche Organisationen und Personen, die sich unter anderem gegen Antisemitismus oder in Initiativen für jüdische Geschichte engagierten, waren betroffen.

115 Versammlungen mit antisemitischen Vorfällen dokumentiert
RIAS erfasste 2025 durchschnittlich mehr als zwei Versammlungen mit antisemitischen Vorfällen pro Woche. In 97 % der Fälle wurde israelbezogener Antisemitismus dokumentiert. Immer wieder wurden Forderungen verbreitet, die Israel delegitimieren und Jüdinnen:Juden das Recht auf Selbstbestimmung absprechen. Bei einer Demonstration am 1. Mai in Mannheim riefen Teilnehmende antisemitische Parolen, in denen sie Zionismus mit Faschismus gleichsetzten. Daneben wurden die Raketenangriffe der Huthi-Milizen unterstützt und eine neue Intifada gefordert. Bleiben solche Parolen im öffentlichen Raum unwidersprochen, tragen sie zur Normalisierung von Antisemitismus bei.

Schulen und Hochschulen von Antisemitismus betroffen
Vergangenes Jahr wurden RIAS Baden-Württemberg 40 antisemitische Vorfälle an Bildungseinrichtungen gemeldet, darunter 25 an Hochschulen und 15 an Schulen. In mehreren Fällen wurden jüdische Schüler:innen beleidigt, ausgegrenzt und angegriffen. Im Regierungsbezirk Freiburg wurde ein jüdischer Schüler in der Schule antisemitisch gemobbt und eine Treppe hinuntergestoßen. Mitschüler:innen riefen: „Es interessiert niemanden, wenn du
stirbst.“ Weil Schulen und Hochschulen zentrale Orte der Teilhabe sind, können Schüler:innen, Studierende und Beschäftigte antisemitischen Vorfällen dort kaum ausweichen.

Zu RIAS Baden-Württemberg: Die Meldestelle nahm im Januar 2025 ihre Arbeit auf und dokumentiert antisemitische Vorfälle ober- und unterhalb der Strafbarkeitsgrenze. Ziel ist es, Antisemitismus aus der Perspektive der Betroffenen sichtbar zu machen, Vorfälle systematisch zu erfassen und Betroffene und Zeug:innen an Beratungs- und Unterstützungsangebote zu vermitteln. Betroffene und Zeug:innen können antisemitische Vorfälle unter report-antisemitism.de melden.

RIAS Baden-Württemberg
Jahresbericht 2025 zum Download

Gemeinsame Erklärung von Mitgliedern des Landtags Baden-Württemberg zur Vorstellung des Jahresberichts „Antisemitische Vorfälle in Baden-Württemberg 2025“

13. Juli 2026

Der Kampf gegen Antisemitismus bleibt auch nach der Landtagswahl eine gemeinsame Verpflichtung unserer Fraktionen.

Der Bericht „Antisemitische Vorfälle in Baden-Württemberg 2025“ der Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus Baden-Württemberg (RIAS Baden-Württemberg) macht deutlich, dass der Kampf gegen Antisemitismus durch gemeinsame Anstrengungen gestärkt werden muss. Für das Jahr 2025 dokumentierte RIAS Baden-Württemberg insgesamt 335 antisemitische Vorfälle – nahezu einen pro Tag. Dabei zeigte sich der Antisemitismus alltagsprägend für viele Jüdinnen und Juden: Antisemitische Vorfälle ereigneten sich an unterschiedlichen Orten des täglichen Lebens, zum Beispiel auf der Straße, im Internet oder an Bildungseinrichtungen. Gerade deshalb ist der fraktionsübergreifende Austausch von großer Bedeutung, denn Antisemitismus tritt in Baden-Württemberg in unterschiedlichen gesellschaftlichen Milieus und in unterschiedlichen Erscheinungsformen auf.

Wir stellen uns entschieden gegen die Leugnung des Existenzrechts Israels und gegen jede Form der Verharmlosung der Schoa. Wir verurteilen jede Anfeindung gegen Jüdinnen und Juden und setzen uns für ein selbstverständliches, sichtbares und sicheres jüdisches Leben in Baden-Württemberg ein.

Fadime Tuncer, MdL (Bündnis 90/Die Grünen):
„Die Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus macht seit dem vergangenen Jahr eine wichtige Arbeit bei uns in Baden-Württemberg. Denn Antisemitismus ist ein zunehmendes und kein bloßes Problem aller extremistischen Milieus, sondern breitet sich auch in der Mitte der Gesellschaft immer weiter aus. Wer deshalb den Antisemitismus bekämpfen will – und dies ist die Aufgabe aller demokratischen Parteien –, muss neben den Ursachen auch die Vorfälle kennen und benennen, so wie es RIAS tut.“

Maren Steege, MdL (CDU):
„Ich wünsche mir für Baden-Württemberg, dass sich Jüdinnen und Juden bei uns jederzeit sicher fühlen können. Das sollte aber kein Wunsch, sondern Wirklichkeit sein. Denn ein antisemitischer Vorfall pro Tag im vergangenen Jahr ist einer zu viel. Das dürfen und werden wir nicht hinnehmen. Als Sprecherin gegen Antisemitismus und für jüdisches Leben setze ich mich mit aller Kraft dafür ein, dass sich das ändert. Der Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus Baden-Württemberg und Herrn Dr. Ogman danke ich herzlich für ihre wichtige Arbeit.“

Dr. Boris Weirauch, MdL (SPD):
„Der Jahresbericht antisemitischer Vorfälle 2025 zeigt: Antisemitismus gehört für Jüdinnen und Juden leider mittlerweile zum Alltag. Besonders betroffen macht mich die hohe Zahl an Vorfällen in Bildungseinrichtungen. Das zeigt, dass Antisemitismusprävention stärker im Bildungsplan verankert werden muss. Die Arbeit der RIAS-Meldestelle hat dazu beigetragen, das große Dunkelfeld antisemitischer Vorfälle ein Stück weit aufzuhellen. Die RIAS-Meldestelle muss dauerhaft gesichert und ausgebaut werden, damit das Dunkelfeld weiter aufgehellt und das Lagebild präziser wird. Antisemitismus darf keinen Platz in unserer Gesellschaft haben. Jüdisches Leben zu schützen, Betroffene zu unterstützen und Antisemitismus entschieden entgegenzutreten, ist eine gemeinsame Verantwortung von Staat und Gesellschaft.“

Dr. Robert Ogman, Projektleiter RIAS Baden-Württemberg:
„Der erste Jahresbericht von RIAS Baden-Württemberg zeigt, wie wichtig es ist, antisemitische Vorfälle systematisch zu dokumentieren und die Perspektiven von Betroffenen im Land sichtbar zu machen. Die 335 dokumentierten Vorfälle geben einen ersten belastbaren Einblick in das Ausmaß von Antisemitismus im Land. Zugleich stehen wir mit unserer Arbeit erst am Anfang: Wir gehen von einem großen Dunkelfeld antisemitischer Vorfälle aus. Deshalb braucht es Menschen, die antisemitische Vorfälle melden und Antisemitismus so nicht unwidersprochen lassen.“

Benjamin Steinitz, Geschäftsführer Bundesverband RIAS:
„Der heute veröffentlichte Jahresbericht ist ein Meilenstein der Antisemitismus-Bekämpfung in Baden-Württemberg. Erstmals liegt ein bundesweit vergleichbares Lagebild antisemitischer Vorfälle im Land vor. Der Bericht zeigt, dass sowohl Jüdinnen und Juden als auch Kritikerinnen und Kritiker von Antisemitismus und Israel-Feindschaft regelmäßig angefeindet werden. Es braucht daher einen breiten demokratischen Konsens gegen jede Form von Antisemitismus. Antisemitismus muss klar benannt und entschieden zurückgewiesen werden: im Parlament ebenso wie im Sportverein, an Schulen und Hochschulen oder im öffentlichen Raum.“

Dr. Michael Blume, Beauftragter der Landesregierung gegen Antisemitismus und für jüdisches Leben:
„Bisher konnten wir in Baden-Württemberg das Dunkelfeld nicht gemeldeter, antisemitischer Vorfälle nur schätzen. Dank der erfolgreichen Zusammenarbeit auch mit RIAS wollen wir in den kommenden Jahren ein immer präziseres Bild vom Antisemitismus im Land gewinnen. Schon jetzt sehe ich Beobachtungen etwa an Hochschulen bestätigt. Besondere Sorgen bereiten mir auch lokale Eskalationen etwa in Freiburg, Ulm und Langenau. Die RIAS-Ergebnisse schon diesen Jahres werden nicht allen gefallen, sind aber notwendig, um Hass und Verschwörungsglauben auf Dauer zu überwinden.“

Oliver Hildenbrand, Minister für Soziales, Arbeit und Gesundheit des Landes Baden-Württemberg:
„Der erste Lagebericht von RIAS Baden-Württemberg macht sichtbar, was oft verborgen bleibt, worüber zu oft geschwiegen wurde und immer noch geschwiegen wird: Antisemitismus findet leider auch im Südwesten in allen Lebensbereichen statt. Dieser Lagebericht ist mehr als eine Sammlung von

v.l. Prof. Barbara Traub (IRGW), Benjamin Steinitz (RIAS Deutschland), Minister Oliver Hildenbrand (Landesregierung Baden-Württemberg) und Dr. Robert Ogman (RIAS Baden-Württemberg)

Zahlen. Er ist ein Auftrag zum Handeln. Wir dürfen Antisemitismus in keiner Weise und keiner Gestalt dulden. In keiner! Für mich ist klar: Vielfalt ist unsere Stärke! Jüdisches Leben gehört in die Mitte unserer Gesellschaft – selbstverständlich, sichtbar und vielfältig. Und es braucht Schutz, Sicherheit und Solidarität. Gerade jetzt!“

Prof. Barbara Traub, Vorstandssprecherin der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württembergs (IRGW):
„Polizei und Strafverfolgungsbehörden in Baden-Württemberg leisten eine hervorragende Arbeit. Antisemitismus ist jedoch kein Problem, das allein mit dem Strafrecht zu lösen wäre, sondern es ist vor allem ein gesellschaftliches Problem. Hier kann RIAS Baden-Württemberg helfen, das weite Feld des Antisemitismus aufzuklären, welches noch nicht unter das Strafrecht fällt. Das Team von RIAS Baden-Württemberg verleiht dabei mit seiner Arbeit auch den Betroffenen und Opfern eine Stimme, denen – bei allem Entsetzen über Täter und Taten – unser Hauptaugenmerk gelten sollte.“

Rami Suliman, Vorsitzender der Israelitischen Religionsgemeinschaft Baden (IRGB):
„Seit Jahren warnen wir vor einem zunehmenden Antisemitismus, auch hier in Baden-Württemberg. Der Bericht von RIAS macht nun konkret sichtbar, was wir erleben und mit welchen Anfeindungen wir konfrontiert sind. Zugleich bietet die Meldestelle unseren Gemeinden eine professionelle Anlaufstelle, an die sich unsere Mitglieder wenden können, wenn sie Unterstützung suchen. Das ist für unsere Gemeinden von großem Wert. Jetzt kommt es darauf an, konsequent zu handeln und Betroffene wirksam zu schützen.“

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