Erfahrungen und Herausforderungen aus dem Alltag eines Polizeirabbiners und eines Militärrabbiners 10. März 2026


v.l.: Rabbiner Shneur Trebnik, Bürgermeister a.D. Dr. Martin Schairer und Rabbiner Avraham Radbil im Gespräch; im Aktiven Publikum rechts im Bild Prof. Barbara Traub, Polizeidirektor Jens Rügner und Polizeipräsident Markus Eisenbraun

Stuttgart, 11. März 2026 – 22./23. Adar 5786
Erfahrungen und Herausforderungen eines Polizei- und eines Militärrabbiners? – Letzterer musste seine Entscheidung für das Militärrabbinat erstmal seiner Mutter vermitteln, gestand Rabbiner Avraham Radbil auf die Frage von Bürgermeister a.D. Dr. Martin Schairer, der das Gespräch in der Stiftung Geißstraße in Stuttgart moderierte. In der Ukraine geboren, heute Gemeinderabbiner in Konstanz, Ehemann und Vater und seit geraumer Zeit auch Militärrabbiner bei der Bundeswehr. Dabei sieht sich Rabbiner Radbil in der Tradition der früheren Feldrabbiner: 65 von ihnen hatten im Ersten Weltkrieg die mehr als 100.000 jüdischen Soldaten in Heer und Marine auf deutscher Seite betreut. „Es gehört einfach dazu, dass jüdische Menschen sich für ihr Land einsetzen. Und wenn jüdischen Soldaten für ihr Land kämpfen, dann gehört die Betreuung eines Rabbiners dazu,“ erläutert der Rabbiner, der im Alltag in Zivil unterwegs ist und nur im Auslandseinsatz Uniform trägt.

„Ich will Euch lieber zeigen, wie Juden leben, nicht wie sie gestorben sind“
Rabbiner Avraham Radbil

Die Aufgabe eines Polizeirabbiners ist anders gelagert, wie der Württembergische Polizeirabbiner Shneur Trebnik aus Ulm erläutert. Bei Einrichtung der Funktion vor fünf Jahren standen von vorne herein die mehrheitlich nichtjüdischen Polizist:innen im Fokus. „Auch vorher gab es natürlich Kontakte zu den jüdischen Gemeinden, aber immer jemanden von auswärts hinzuzuziehen, das macht es nicht gerade einfach“, erläutert Rabbiner Trebnik. Ihm ist es wichtig, dass Polizeianwärter:innen ihn bereits bei der Ausbildung kennen lernen. Wenn man wisse, wer am anderen Ende der Leitung sitzt, dann greift es sich leichter auch mal zum Telefonhörer. Hinzu kommen Fortbildungen für die Polizist:innen, denn die Polizei in Baden-Württemberg hat mit insg. 35.000 Beamt:innen und Angestellten nicht gerade wenig Personal, wie der Stuttgarter Polizeipräsident Markus Eisenbraun, die Aufgabe einzusortieren hilft.
Klassische Seelsorge, so Rabbiner Radbil, stehe für die Militärrabbiner vor allem bei Auslandseinsätzen an. In München, wo er sein Büro hat, ist Schwerpunkt seine Arbeit eher der für die Soldat:innen verpflichtende ‚Lebenskundlichen Unterricht‘. Vergangene Woche habe er aber auch mit Soldat:innen in Ingolstadt Purim gefeiert. Bedingt durch die Ansiedlung seines Büros an der Sanitätsakademie kommen auch häufige Anfragen zu medizinethischen Themen wie Sterbehilfe hinzu, während er sich als Soldat bei Fragen zum Nahostkonflikt zurückhalte.

„Wir verstehen durch die Kontakte besser, was die Menschen bewegt, um die wir uns kümmern“
Polizeipräsident Markus Eisenbraun

Für seine Arbeit als Polizeirabbiner, so Rabbiner Trebnik, spiele der Nahostkonflikt hingegen durchaus eine Rolle. So sei er in den vergangenen Jahren häufiger von ermittelnden Beamten zu seiner Einschätzung angefragt worden, ob zur Anzeige gebrachte Sachverhalte bereits die Schwelle zu Antisemitismus überschritten. Polizeipräsident Eisenbraun ergänzt, dass die Zusammenarbeit mit der IRGW und Polizeirabbiner auch für die Organisation Polizei wichtig sei, damit insbesondere die jungen Kolleg:innen verstehen, was sie schützen. „Wir verstehen durch die Kontakte besser, was die Menschen bewegt, um die wir uns kümmern.“
Antisemitismus sei auch in der Bundeswehr ein Thema, bestätigt Rabbiner Radbil, jedoch nicht, weil das Problem so groß sei, sondern weil man ihn nicht haben wolle. Als er mit seiner Arbeit für die Bundeswehr begonnen hat, sei er überrascht gewesen vom intellektuellen Niveau, das man auf Offiziersebene pflege, erinnert sich Rabbiner Radbil.
Die Vielfalt unserer Gesellschaft findet sich zunehmend auch bei Polizei und Bundeswehr. So berichtet der Stuttgarter Polizeipräsident Eisenbraun, dass unter seinen Polizist:innen in Stuttgart mittlerweile neun verschiedene Nationalitäten vertreten seien. Bürgermeister a.D. Dr. Schairer, vor seiner Zeit im Rathaus selbst Stuttgarter Polizeipräsident, hingegen erinnert, wie zu seiner Zeit der erste Polizist mit türkischem Migrationshintergrund eingestellt wurde und für Aufsehen sorgte. Rabbiner Trebnik und Rabbiner Radbil bestätigen dieses Bild von einer großen Vielfalt unter Polizist:innen und Soldat:innen. Dabei suche man durchaus auch von Christen und Muslimen Rat: Ihm sei noch ein Fall sehr präsent, als ein ausgeprägt christlicher Polizist Rat suchte. „Er wollte mit einem Seelsorger sprechen, der ‚im System‘ ist, aber doch einen anderen Blickwinkel hat. Da kam er auf mich als Rabbiner zu“, berichtet Rabbiner Trebnik. Rabbiner Radbil ergänzt, dass erstaunlicherweise auch vollkommen säkuläre Soldat:innen Rat suchen. Wie viele Jüd:innen es in der Bundeswehr gebe, will Bürgermeister a.D. Dr. Schairer wissen. Dies erfasse man nicht, erläutert der Militärrabbiner. Auch über Muslime werde keine Statistik geführt, aber man könne beobachten, dass ein Teil der Soldat:innen beispielsweise kein Schweinefleisch esse oder während des Ramadan fasten. „Ich bedaure, dass es keine Militärimame gibt, aber das liegt an Fehlen eines Ansprechpartners auf muslimischer Seite. Für die katholische Militärseelsorge ist beispielsweise der Vatikan der Vertragspartner, auf evangelischer Seite gibt es seit den 1950er-Jahren einen Vertrag. Auf jüdischer Seite ist es der Zentralrat der Juden, aber auf muslimischer fehlt etwas Vergleichbares.“ Essenstationen, ist aus seinen Ausführungen zu entnehmen, gibt es jedoch sowohl koscher als auch halal.
Prof. Barbara Traub, Vorstandssprecherin der IRGW und Mitglied im Präsidium des Zentralrats der Juden gibt zu bedenken, dass die Vielfalt gerade der Bundeswehr mit einer Wehrpflicht zunehmen werde und auch verstärkt jüdische Soldat:innen zu erwarten seien. „Bislang war es so, dass die Kinder von Shoah-Überlebenden keinen Wehrdienst leisten mussten. Im Zentralrat diskutieren wir, ob das auch die nächste Generation noch umfasst. Wir gehen davon aus, dass es verstärkt jüdische Soldaten geben wird.“

„Ich will ganz normaler Bürger sein, nicht ‚Mit-Bürger oder besonders zu schützender Bürger, schon gar nicht Opfer“
Rabbiner Shneur Trebnik
Einig und ratlos zeigt man sich, als aus dem Publikum die Situation an den Hochschulen nach dem 7. Oktober angesprochen wird. Prof. Traub erinnerte daran, dass es in Staatsanwaltschaften und bei der Polizei Beauftragte für Fälle von und Fragen zu Antisemitismus gebe. An den meisten Hochschulen werde solch eine Ansprechperson jedoch leider meistens abgelehnt. Rabbiner Radbil berichtet, dass es an den Bundeswehruniversitäten auch nach dem 7. Oktober zu keinen nennenswerten Vorfällen kam. Andererseits habe er mit Sorge beobachtet, wie Universitäten außerhalb der Bundeswehr von Orten des Diskurses mitunter zu Orten von Ausgrenzung und Mobbing wurden. Polizeidirektor Jens Rügner, Leiter des Stuttgarter Polizeireviers 1 schließt sich dem an. Auch als Einsatzleiter bei zahllosen Demos und Kundgebungen ganz unterschiedlichen Zuschnitts habe es zunehmend den Eindruck, dass die Bereitschaft zum Diskurs abnehme. Die unterschiedlichen Gruppen beanspruchten zunehmend ‚Wahrheit‘ exklusiv für sich. Dies bereite ihm Sorge. Rabbiner Trebnik brachte es anschließend für sich und viele andere Jüd:innen auf den Punkt: „Ich will ganz normaler Bürger sein, nicht ‚Mit-Bürger oder besonders zu schützender Bürger, schon gar nicht Opfer“, erläutert Rabbiner Trebnik seine Grundhaltung.
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Eine Kooperation von:
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Stiftung Geißstraße S.b.R.
Israelitischer Religionsgemeinschaft Württembergs K.d.ö.R. (IRGW)



